Entzug
von Christoph Peters
Auch wenn die Angewohnheit nicht unbedingt den besten Ruf genießt: Ich lasse mich bei der Buchauswahl oft vom Cover leiten. Und beim neuen Roman von Christoph Peters haben mich die gelbe Typografie und das Ambiente des Gemäldes dahinter gleich in den Bann gezogen.
Es ist das vierte Buch, das ich von dem in Berlin lebenden Autor lese. Wer sich auf „Entzug“ einlässt, der stellt sich nach den ersten Seiten die Frage: Ist diese Geschichte des Schriftstellers, der so minutiös seine Alkoholabhängigkeit beschreibt, eine erfundene Geschichte – oder hat hier die Lebensgeschichte des Autors einen großen Anteil daran? Tatsächlich ist es so, dass das Buch zwar ein Roman ist, aber zum Großteil die Phase beschreibt, in der Christoph Peters nicht mehr ohne harten Alkohol und einen Dauerpegel leben konnte.
Es tut fast schon weh, wenn er schildert, mit welcher Akribie er die Logistik um die Alkoholbeschaffung durchführen musste – immer in der Gefahr, dass seine Frau das ganze Ausmaß erkennen könnte. Früh um sechs schleppt er sich in die Küche, um mit einem Glas Wodka den Pegel auf „normal“ zu bringen. An der Supermarktkasse legt er Pseudo-Einkäufe aufs Band, um zu verschleiern, dass es ihm eigentlich um die Flasche Jägermeister ging. Dieser erste Teil des Romans ist einfach mit „Trinken“ benannt. Treffend – denn darum hat sich das ganze Leben gedreht.
Der Roman entwickelt einen regelrechten Sog, der schließlich in einen Erlösungsmoment in Form des zweiten Teils mündet: „Entzug“. Mit mehr als zwei Promille, so etwas wie seinem Normalpegel, kommt der Erzähler in die Entzugsklinik und stellt sich nun dem Leben ohne Alkohol.
Der Roman hat mich fasziniert, weil er zwischen Fiktion und Realität schwebend bleibt und zeigt, wie sehr Sucht einen Menschen bestimmen kann. Ich mag es, wenn Bücher mir die Augen für die Dinge öffnen, die man sonst gar nicht sieht. Und wenn es eine Flasche Jägermeister ist, die – umgarnt von einem Joghurt und einer Packung Spülschwämme – auf dem Kassenband vor einem liegt.